Interview about our project
DIE STIMME DER STIMMLOSEN
Interview von Michael Metzger mit Kristin Dethloff und Anna Siitam im politikorange-Themenmagazin zur Bundestagswahl 2009.

Interview: Die Stimme der Stimmlosen | Foto von Jonas Fischer
Der Titel eures Projektes ist „Choiceless – voiceless“. Haben Nichtwähler keine Stimme?
Kristin: Keine gemeinsame jedenfalls. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung werden Nichtwähler dämonisiert. Angeblich sind sie politisch desinteressiert, ihnen ist alles egal, sie gefährden die Demokratie. Dabei sind Nichtwähler keineswegs alle gleich: Es gibt zahlreiche unterschiedliche Gründe, seine Stimme bei einer Wahl zu verweigern.
Nämlich?
Kristin: Natürlich gibt es da die politisch uninteressierten Nichtwähler, in deren Leben es keine große Rolle spielt, wer sie regiert. Aber dann sind da auch die Nichtwähler, die einfach nicht verstehen, wie eine Wahl funktioniert. Denen sind Wahlzettel zu kompliziert, oder sie wissen nicht, wie sich ihre Stimme überhaupt auf das Wahlergebnis auswirkt.
Da muss man doch was tun! Kann hier die Politik nicht aufklären?
Anna: Klar. Wer aus Unkenntnis zu Hause bleibt, den erreichen Projekte zur Demokratie-Aufklärung. Dem muss man nur mal erklären, wie so eine Wahl funktioniert. Aber es gibt auch noch die aufgeklärten Nichtwähler. Die sind bestens informiert und entscheiden sich hinterher bewusst, nicht zur Wahl zu gehen – beispielsweise, weil sie keine Partei finden, die zu ihnen passt. Schließlich ist Wählen bei uns ein Recht und keine Pflicht.
Nichtwählen kann also ein Protest gegen das politische System sein?
Kristin: Genau. In Deutschland können wir diese Gruppe der Nichtwähler nicht eindeutig identifizieren. Sie haben ja keine Möglichkeit, ihre Verweigerungshaltung aktiv zu kommunizieren. In Mexiko gab es beispielsweise mal die Möglichkeit, sich bei einer Wahl bewusst zu enthalten, also zur Wahl zu gehen ohne einer kandidierenden Partei die Stimme zu geben. Da haben sich im Durchschnitt fünf Prozent aller Wähler enthalten, in manchen Städten sogar zehn Prozent.
Man könnte meinen, diese Verweigerungshaltung betrifft besonders bestimmte Milieus. Punks zum Beispiel.
Anna: Vorsicht mit solchen Klischees! Bei unserem internationalen Seminar zum Thema Nichtwähler, das wir vor einiger Zeit in Berlin durchgeführt haben, gab es eine Straßenumfrage. Da haben wir auch Punks befragt. Nur wenige von ihnen haben zugegeben, dass sie bekennende Nichtwähler sind und wurden von ihren Freunden dafür ganz schön angegangen: Sie mussten sich rechtfertigen, wie sie denn die Demokratie dermaßen gefährden können und warum sie ihre Stimme so leichtfertig verschenken.
Schubladendenken greift hier also zu kurz?
Anna: Ich glaube schon. Auf der anderen Seite hatten wir bei unserer Umfrage eine Gruppe konservativ gekleideter, älterer Menschen – auf den ersten Blick klassische bürgerliche Wähler. Das waren allerdings Zeugen Jehovas, die uns erklärt haben, dass sie nie wählen gehen, weil in ihren Augen Jesus der legitime Herrscher der Welt ist. Da haben wir ganz schön gestaunt.
Habt ihr bei eurem internationalen Seminar Gemeinsamkeiten unter den Teilnehmern festgestellt?
Kristin: Die Leute kamen aus England, Polen, der Türkei, Frankreich, Ungarn und Deutschland. Besonders deutlich wurde in der Diskussion, dass die Wahlbeteiligung umso mehr nachlässt, je größer der Zusammenhang ist. Nehmen wir die Europawahl: Die Ziele sind zu abstrakt und die einzelne Stimme ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung so wenig wert, dass die Leute teilweise ökonomisch abwägen und zu dem Schluss kommen: Da „lohnt“ es sich für mich gar nicht zu wählen.
Dabei haben die Punks doch Recht: Nichtwähler gefährden eine Demokratie, oder seht Ihr das anders?
Kristin: Das würde ich so nicht unterstreichen. Nichtwähler gefährden das Parteiensystem, das ist richtig. Wenn dem Parteiensystem durch mangelnde Wahlbeteiligung die Legitimation entzogen wird, dann muss aber eine Demokratie darauf reagieren, denn das System ist doch für den Bürger da, nicht umgekehrt.
Wie soll so eine Reaktion aussehen?
Kristin: Erstmal müssen die Parteien sich mit dem Phänomen des Nichtwählers überhaupt auseinander setzen. Mir scheint, es gibt kaum die Bereitschaft dazu. Im Rahmen unseres Seminars taten wir uns ganz schön schwer, Gesprächspartner aus den Parteien zu finden. Da fehlt komplett das Interesse am Thema.
Anna: Jedenfalls wird das Problem sich nicht von selbst lösen, im Gegenteil: Beim aktuellen Wahlkampf finden kaum inhaltliche Auseinandersetzungen statt. So bekommt man keine Wähler an die Urne. Ich fürchte, zur Bundestagswahl wird die Gruppe der Nichtwähler noch mal ziemlich anwachsen.
Michael Metzger ist 26 Jahre alt, arbeitet als freier Journalist in Berlin und studiert Europäische Ethnologie, Politik und Soziologie an der Humboldt-Universität.